Crazy Cinématographe – Interview mit Nicole Dahlen

crazy-posterSeit bereits vier Jahren verführt das Wanderkino „Crazy Cinematographe“ zahlreiche Zuschauer auf der Schueberfouer in die verrückte Kindheit des Kinos. Slapstick-Komödien, ein Artisten- und Variété-Programm sowie ein erotisches Abendprogramm erwarten die neugierigen Besucher. Nach historischem Vorbild begleiten heitere Klaviermusik und Kinoerzähler in theatralischer Unterhaltungsform die Stummfilme des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Woher kam die Idee eine Wanderkino- Tradition wieder aufleben zu lassen?

Das Ganze begann 2007. Als Luxemburg Kulturhauptstadt wurde, überlegten Veranstalter gemeinsam mit Instituten aus der Großregion welche Ausstellungen und Projekte geplant werden könnten. Damals kam die Uni Trier auf die Cinematheque zu und wollte etwas über Wanderkinos, eines ihrer Fachgebiete am Medieninstitut, organisieren. Aber sie legten den Schwerpunkt auf Publikationen und wissenschaftliche Vorträge. Die Cienamtheque ließ sich auf dieses gemeinsame Projekt ein, wollte dann aber ein größeres, öffentlicheres Event veranstalten, um ein nicht spezialisiertes Publikum anzuziehen. So kam die Idee ein richtiges Wanderkino wieder auferstehen zu lassen und  in den Original-Kontext einzubetten; dem des Jahrmarkts.

Was macht dieses wiederbelebte Wanderkino heute so authentisch?

Wir versuchen eine Mischung aus historischer Rekonstruktion und einer zeitgenössischen Adaptation. Eben eine Mischung aus einer historisch relativ getreuen Nachbildung, versuchen aber zugleich das Geschehniss in einen  zeitgenössischen Kontext einzubinden. Wir können das Kino auch nicht wirklich historisch getreu nachbilden, denn wir wissen nicht wie es wirklich war und Jahrmärkte an sich hatten eine andere Funktion…man kann ihn sich als erstes Massenmedium vorstellen. Für viele die beispielsweise nicht lesen konnten, war es der Ort an dem sich Leute über politisches Geschehen oder wissenschaftliche Neuheiten informierten. Viele sahen z.B. im 19Jhr. eine Glühbirne zum ersten Mal auf dem Jahrmarkt.

Das Kino an sich war ja damals auch eine wissenschaftlich-technische Errungenschaft die dementsprechend als solche auf Jahrmärkten präsentiert wurde. Als Kulturerlebnis betrachtete man das Kino damals noch nicht.

Andrea Haller schreibt in ihrem Essay Film, Fashion and Female Movie Fandom in Imperial Germany, dass bis 1915 die Bourgeoisie die Kinowelt als kitschig und „unsophisticated“ empfand. Trifft dies vor allem auf Wanderkinos zu? Und wer kommt heute zu den Veranstaltungen?

Wir wissen es nicht genau, aber Fotos von früher lassen eher auf ein populäres Publikum schließen. Ich geh auch davon aus, dass die Bourgeoisie solche Veranstaltungen eher für ein privates Publikum organisierte. Heute, hier auf der Schueberfouer, ziehen wir ebenfalls eher ein populäres Publikum an, also nicht unbedingt Filminteressierte oder Personen die sich mit der Filmhistorie auseinandersetzen. Das erkennen wir daran, dass wir viel Zeit vor dem Zelt verbringen um den Besuchern zu erklären um was es überhaupt geht, was der CC ist. Zeitweise ist das eine richtige Herausforderung. Mittlerweile, nach dem vierten Jahr, kennen schon einige den CC, aber wir merken im Kontakt mit den Leuten vor dem Zelt, dass viele ihn doch noch nicht kennen und einige denken sogar, wahrscheinlich durch den Kontext des Jahrmarkts, dass wir sie übers Ohr hauen wollen.

Warum bezeichnet ihr die Anfänge des Kinos als verrückte Kindheit?

In der Anfangsphase waren die Leute unglaublich kreativ. Es wurde einfach ausprobiert. Wie Trickfilme gemacht werden können, wurde gerade durch dieses verrückte Rumexperimentieren herausgefunden. Niemand hat damals daran gedacht im Kino still zu sein, es war einfach noch verrückter. Man nennt dies auch das Kino der Attraktionen, es war alles sehr spontan und lehnte sich ans Variété Theater an. Als die Filme in den 10er Jahren länger wurden, und sich dies etablierte, etablierte sich damit auch das Narrative Kino. Die Zuschauer mussten sich besser konzentrieren um der Geschichte zu folgen. Es wurde braver und stiller im Kinosall. Das ist auch das Kino das wir heute noch kennen; wenn jemand mit seiner Chipstüte zuviel rumraschelt zieht er böse Blicke auf sich.

In welchem Kontext wurden die Filme aus dem erostischen Abendprogramm gezeigt? Wurde die ebenfalls auf Jahrmärkten gezeigt?

Nein,  diese Filme wurden eher in geschlossenen Männer Kreisen gezeigt. Onkels nahmen beispielsweise ihre Neffen mit zu solchen Veranstaltungen, um diese sozusagen über diesen Weg „aufzuklären“.

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