Paleo Selbstversuch: Wie (a)sozial ist Ernährung?

Vegetarismus und Veganismus sind für die Meisten keine Fremdwörter. Paleo ist dagegen eher unbekannt. An Hand eines einwöchigen Selbstversuches habe ich untersucht, ob unsere Ernährung Einfluss auf unser Sozialleben hat. Insbesondere, wenn sie der Norm nicht entspricht. Eine Einschätzung von Mascha Wendler  

“Isst du auch keine Eier und keine Milchprodukte?“ – Die wohl meistgestellte Frage, nachdem mein Gegenüber mitbekommen hat, dass ich mich Fleisch- und Fischfrei ernähre. Ich bin nun seit gut acht Jahren Vegetarierin und habe mich an die Auseinandersetzung mit Nicht-Vegetarier*innen gewöhnt. Ich versuche – so gut es geht – das Thema zu umschiffen, da ich weder bekehren noch bekehrt werden möchte. Der Grund, warum ich mich vom zeitweise-ausprobierten Veganismus verabschiedet habe, ist naheliegend: Ernährung ist hoch sozial und im Idealfall sozialitätsstiftend. Veganismus ist hierbei sehr kontraproduktiv. Deutschland ist im Vergleich zu den meisten Ländern sehr Vegetarier-freundlich, ich komme selbst in ländlicheren Regionen gut zurecht. Wer sich vegan ernährt, muss dennoch ständig erfragen und verzichten.

Bin ich in meinem Sozialleben eingeschränkt, wenn ich mich auf ungewöhnliche Art und Weise ernähre? Inwieweit lässt sich dies von mir beeinflussen und inwieweit bin ich abhängig von meiner Umwelt? Diesen Fragen wollte ich auf den Grund gehen und habe eine Woche lang die Paleo-Ernährung in Kombination mit meinem Vegetarismus getestet. Dieser Artikel soll den sozialen Faktor von Ernährung beleuchten und keine Überzeugungsarbeit leisten.

In meiner Testwoche habe ich u.a. einen Geburtstag, Restaurants und die Universitäts-Mensa besucht. Ich habe jedoch möglichst versucht, zu Hause zu essen bzw. mir Essen dort vorzubereiten. Durch meine Erfahrung mit vegetarischer Ernährung fiel es mir nicht allzu schwer, mich trotz der Einschränkung abwechslungsreich zu ernähren. Ich habe Paleo-Vegetarismus jedoch als sehr energiearm wahrgenommen.

Während meines Versuchs ist mir klargeworden, dass Ernährung und Essen noch keine Sozialität an sich schaffen. Hierbei spielen vielmehr persönliche Eigenschaften des Gegenübers und des Selbst eine bedeutendere Rolle. Ich lade jemanden nicht wegen seiner Ernährung ein bzw. nicht ein, sondern auf Grund des von ihm ausgehenden gesellschaft-stiftenden Faktors. Nichtsdestotrotz habe ich Erfahrungen, die ich mit dem Vegetarismus bereits gemacht habe, in verstärkter Form in der Woche als Paleo-Vegetarier erlebt. Oft stieß ich auf Missverständnis und Kritik. Nicht nur hielten viele, mit denen ich über das Thema ins Gespräch kam, es für ungesund, sondern bezweifelten auch den Sinn und die Idee hinter dem Konzept. Allgemein habe ich vielmehr über meine Ernährung kommunizieren müssen. Diese verstärkte Kommunikation würde ich aber als contra-sozial betrachten, auch wenn Kommunikation generell etwas Soziales ist. Dafür spricht in meinen Augen die wesentlich negativere Reaktion meiner Mitmenschen. Positives Interesse und Zustimmung, wie ich sie für meinen Vegetarismus oft entgegengebracht bekomme, erhielt ich nie.

Die Nahrungsaufnahme kann – wenn mit anderen gemeinsam – sozialitätsstiftend sein. Ernährungsweisen können hierbei, auf Grund der von ihnen ausgelösten Sympathie und Empathie, zu- aber auch abträglich sein. Sie sind, meiner Erfahrung nach, dennoch hochgradig kommunikationsstiftend. Das Maß ihres Einflusses auf die Adaption von einem selbst durch andere, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Je ähnlicher orientiert das Umfeld, desto positiver die Kommunikation. Je weniger eine ähnliche Orientierung vorliegt, umso eher würde ich erfahrungsgemäß das Thema umgehen, wenn keine Irritationen gewünscht sind.

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